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Erstling noch nicht besonders kraftvoll
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Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Die 27ste Stadt (Gebundene Ausgabe) Der mit seinen "Korrekturen" bei uns bekannt gewordene Franzen ist hierzulande nun auch mit seinem Erstling "Die 27ste Stadt" zu lesen. Schade, dass man ihm das auch anmerkt. Die nicht so ganz fiktive Stadt St. Louis ist einziger Erzählort. Eine Inder-Mafia, angeführt von der Polizeichefin Jammu, nimmt sich vor, die bestehende Ordnung zu stören, um aussergewöhnliche Gewinne aus Grundstücksgeschäften realisieren zu können. Das Spannende daran ist, dass die Unterwanderung der biederen, bürgerlichen Oberschicht nicht durch Attentate und Entführungen gelingen soll, sondern durch das Gift des Stachels "Krise". Auf fast hundert Seiten der insgesamt über sechshundert entwickelt sich schon so etwas wie Krise bei den örtlichen Unternehmern und deren Familien, die die Geschicke der Stadt bislang bestimmten. Nur einer widersteht allen untugendhaften Angriffen, der Bauunternehmer Martin Probst ist der gute Mensch von St. Louis - und bleibt es bis zum Schluss.
Das ist also die Umkehrung aller Werte: die Polizeichefin ist die Femme fatal, der Bauunternehmer der saubere, familienpflegende Gute. Am Ende geht doch alles schief. Es gibt viele Tode und die Moral siegt nicht. Wäre es anders, wäre der Roman noch mehr Märchen.
Teilweise verliert man den Überblick über die vielen auftretenden Figuren, man muss also schon zügig durchlesen. So lebendig beschrieben wie die Protagonisten bei den Korrekturen sind die Handelnden in der 27sten Stadt nicht. Das Subtile des Heraufbeschwörens einer Krise als Waffe, im Gegensatz zu Bomben und Gewehren, macht anfangs sehr neugierig und man sucht Parallelen in der hiesigen Stadt oder Landespolitik. Leider entscheiden sich die Figuren im Roman dann immer mehr für die traditionellen Vorgehensweisen: Bomben, Entführung, Mord.
Franzen hat sich längst weiterentwickelt, sein letzter Roman ist halt besser, als sein erster. Das soll nicht wundern. Also freuen wir uns auf seinen nächsten, seinen wirklich nächsten allerdings. Der Verlag wird, um die Wartezeit zu verkürzen wohl inzwischen seinen Zweitling "Strong Motion" herausbringen. Aber auch der müsste schon besser sein als die 27ste Stadt.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 23. September 2003 |