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Ambivalentes Lesevergnügen ohne großen Tiefgang
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In epischer Breite legt uns Eugenides in diesem Buch die Lebensgeschichte eines Hermaphroditen vor. Gleich zwei Generationen tief wühlt sich Eugenides hinein in das inzestuös bedingte Geflecht der Chromosomen-Anomalie, die letztendlich seinen Erzähler geschlechtlich determiniert bzw. nicht eindeutig determiniert hat. Dabei entbehren seine Schilderungen keinesfalls eines gewissen humorvollen Unterhaltungswerts. Aber so viele Details auch bzgl. der Vorgeschichte der Hauptperson in den Fokus der Leserschaft gezerrt werden,... Calliope, die Hauptfigur, bleibt in ihren Wünschen und Bestrebungen leider genauso wenig konkret herausgearbeitet wie ihr Geschlecht. Deswegen hatte ich als Leser auch weit mehr Freude an den ausführlichen Rückblenden bzgl. Calliopes Großeltern und Eltern sowie ihren Verwicklungen und Nöten des damaligen Alltags, als schließlich mit der dürftigen Bio von Calliope selbst. Denn hier weiß sich Eugenides nur relativ wenig mit der sicherlich komplexen Materie zu behelfen. Gerade die Problematik der eigenen sexuellen Identitätsfindung und ihrer enormen Schwierigkeit in diesem Fall bleibt zurück hinter witzig verbrämten Anekdoten einer zum größten Teil unerfüllten Liebe zu einer Mitschülerin. Und mit den schwül sinistren Ausführungen erster sexueller Kontakte spart Eugenides leider nicht an infantil voyeuristischen Bildern, die zwar die Neugier eines Großteils der Leserschaft befriedigen dürften, zugleich aber auch als Vorlage für harmlose und oberflächliche Hamilton-Weichzeichner-Filme herhalten könnten. Mich persönlich hätte vielmehr interessiert, wie sich Cal später noch mit dem Thema einer möglichen OP auseinandersetzt (nach der ersten Ablehnung und Flucht). Hier bleibt Eugenides völlig undifferenziert. Zwar hat man als Leser das Gefühl, dass sich Cal zu Frauen hingezogen fühlt, zugleich wird eher resigniert davon berichtet, dass es aufgrund der körperlichen Ausprägung leider (!) zu meist nicht mehr als unverbindlichen ersten Treffen kommt, aber inwiefern Cal selbst diese Situation ändern möchte bzw. inwiefern sich Cal mit den Möglichkeiten zu einer Anpassung auseinandersetzt, bleibt aussen vor. Statt dessen wird der Leser gegen Ende des Buches noch mit allerlei abstrusen Situationen konfrontiert, in denen viel zu dick aufgetragen wird. Ich hatte den Eindruck, Eugenides wollte den ultimativen Hermaphroditen-Roman schreiben und kein mögliches Detail auslassen, das einer Boulevard-Schlagzeile würdig sein könnte. Anders kann ich mir z.B. die peinliche Szene mit der Pool-Freakshow nicht erklären, die in ihrer unbeholfenen Darstellung nur eines ist: Überflüssig. Schade, dass sich Eugenides nicht etwas tiefschürfender um Calliopes eigene Bio gekümmert hat. Trotz dem großteils humorvollen und unterhaltsamen Werk verbleibt es in den entscheidenden Momenten oberflächlich und unentschlossen.
Eine Rezension von Herr Odes "hdpi" >
vom 8. Mai 2010 |